Mein Kind „hört“ einfach nicht: Blickkontakt, Augenhöhe und persönliche Ansprache (2)

Beruf und Blog verbinden – das mache ich in meiner neuen Blogreihe zur Kommunikation mit Kleinkindern! Professionelle Unternehmenskommunikation vs. Kommunikation mit Kindern – da liegen Welten zwischen? Ich finde nicht – und nehme mir die gängigen „Lehren“ mal Stück für Stück vor.

Heute geht es einmal ganz generell um das „Drumherum“ – also weniger die Inhalte, die ihr vermitteln möchtet, sondern ganz konkret darum welche Situation/Umgebung ihr schaffen solltet, wenn ihr mir eurem Kind sprecht und wie ihr es ansprecht. Kurz, es geht um: Blickkontakt, Augenhöhe & persönliche Ansprache.


Fangen wir mal mit der Augenhöhe an – das ist mit Kleinkindern für einen Erwachsenen ja durchaus nicht immer eine bequeme Angelegenheit. Aber: wenn jemand euer Büro betritt, vor eurem Schreibtisch steht und mit euch ein Gespräch über ein wichtiges Thema beginnt – bleibt ihr dann sitzen? Die meisten Menschen stehen dann ganz automatisch auf. Wir können unserem Gegenüber besser zu hören, wenn wir ihm ohne Schwierigkeiten in die Augen sehen können.  Außerdem hat „Nicht auf Augenhöhe sein“ außerdem auch immer etwas Hierarchie und Wertschätzung zu tun. Wenn ihr das einmal ausprobieren wollt, dann bringt euch einmal selbst in eine Gesprächssituation, die nicht auf Augenhöhe stattfindet – ihr werdet überrascht sein, wie unwohl man sich dabei auch als Erwachsener fühlt.

Auch Kleinkinder empfinden dieses Unwohlsein. Deshalb ist auch gerade im Gespräch mit ihnen wichtig, sich auf ihre Augenhöhe zu begeben. Also ab auf den Boden, in die Hocke – oder mit dem Kind auf dem Schoß aufs Sofa. Eine Unterhaltung auf Augenhöhe signalisiert dem Kind auch, dass einem das Gespräch wichtig ist und verleiht damit auch dem Gesagten automatisch mehr Nachdruck. Gesprächsituationen, die nicht auf Augenhöhe stattfinden, haben aber noch zwei weitere Nachteile: zum einem versuchen Kinder immer, Situationen, in denen sie sich unwohl fühlen schnell zu verlassen – und gehen einfach weg. Zum anderen ist es in solchen Gesprächssituationen extrem schwierig, Blickkontakt zu halten.

Warum Blickkontakt so wichtig ist

Blickkontakt, das klingt so harmlos und ist eines der wichtigsten Dinge während eines Gespräches. Und gar nicht so einfach, wie es klingt. Wenn dein Gegenüber während eines Gespräches ständig an die vorbeischaut, bist du vermutlich beleidigt und verlierst schnell die Lust am Gespräch. Starrt er dir dagegen die ganze Zeit in die Augen, wirst du dich sicherlich auch nicht wohlfühlen.

Der Blickkontakt hat also einen ganz entscheidenden Einfluss darauf, wie das Gesagte vom Gegenüber aufgenommen wird. Fehlender Blickkontakt signalisiert dabei mangelnde Aufmerksamkeit – und dass der Gesprächsinhalt dem Sprecher gerade auch „nicht so wichtig“ ist. Zu intensives Starren verursacht dagegen ein unangenehmes Gefühl – und unangenehme Situationen möchten wir wie schon gesagt schnellstmöglich verlassen.

Das richtige Mittelmaß zu finden ist manchmal gar nicht so einfach. In Pressekonferenzen oder bei Vorträgen kann man beide Extreme finden – den Redner, der sich nur an seinen Folien festklammert und den Blick kaum von seinen Notizen lösen kann. Und den Redner, der komplett frei vorträgt und dafür sein Publikum keine Sekunde aus den Augen lässt. Während sich in der ersten Runde meistens schnell Gemurmel und Unruhe ausbreitet, herrscht in der letzten Situation meistens eisiges Schweigen, weil jedes Hüsteln und jede Bewegung vom Redner gleich bemerkt wird. Und die Botschaft? Geht in beiden Fällen unter.

Blickkontakt hat in einer Gesprächssituation noch eine weitere, ganz entscheidende Funktion: ich als Sprecher bekomme darüber eine Rückmeldung. Hört mit mein Kind zu? Wie fühlt es sich gerade? Ist ihm die Situation unangenehm? Hat es verstanden, was ich ihm sagen möchte? Die Antworten auf diese Fragen sind entscheidend für die weitere Gesprächsführung.

Apropos Gesprächsführung: wie sprecht ihr euer Kind eigentlich so an? Mit seinem Namen natürlich, was für eine Frage. Oder mit Schatz, Spätzchen, Liebling, Muckelchen, Mäuslein? Na, erwischt? 😉 Ja, natürlich haben wir auch Kosenamen für den Mini – das ist ganz klar und ehrlicherweise glaube ich, dass das fast alle Eltern machen. Ich finde das übrigens sehr liebevoll. Es gibt aber Gesprächssituationen, in denen der Kosename einem nicht die gewünschte Aufmerksamkeit beschert. Ihr kennt das sicher? „Spatzilein, ich möchte nicht so gerne, dass du den Mann mit deinem Regenschirm haust, jaaaaa? Das ist nicht so nett, stimmts?“ (Das habe ich mir nicht ausgedacht, das ist wirklich passiert!) Verwendet den Kosenamen ganz nach Herzenslust, so wie ihr wollt – aber in Situationen, in denen die Botschaft wichtig und entscheidend ist, solltet ihr euer Kind mit seinem Namen ansprechen. Ich verspreche: es guckt euch an und ihr habt seine Aufmerksamkeit. Die persönliche Ansprache mit dem eignen Namen ist dafür eine sehr eindrucksvolles Mittel.

Ein vergleichbares Beispiel aus der Arbeitswelt: „Jemand müsste sich mal um XY kümmern…“ – in einer großen Gruppe ausgesprochen führt dies im Normalfall zu angestrengten Blicken aus dem Fenster, auf die Schnürsenkel oder intensivem „Notizen machen“. Hauptsache, man sieht den Sprechenden nicht an. „Frau Müller, würden sie bitte bis nächsten Freitag XY übernehmen?“ Tja, Pech für Frau Müller – das gebe ich zu, aber für den Sprecher klappt die Verteilung von Aufgaben so viel besser und deutlich schneller.

Das mit der persönlichen Ansprache mit dem Vornamen ist bei Kindern allerdings kein Allheilmittel – wer kennt die folgende Situation nicht:

An der Supermarktkasse, das Kind angelt nach Gummibärchen, Überraschungseiern, Mini-Schnapsflaschen. Das Elternteil sagt: „Koooooonstantiiiiiin…..“. Kind guckt, macht weiter. „Konssssstantin.“ Kind guckt kürzer und macht weiter. „KONS-TAN-TIN“! NEIN, hab‘ ich gesagt.“
Öh, nein, hast du nicht. NUR die persönliche Ansprache reicht bei Kindern nämlich auch nicht aus. Kindern fehlt – generell, aber vor allem im konzentrierten Spiel oder in besonders spannenden Situationen – die Fähigkeit, Andeutungen zu verstehen. Und Eltern fehlt oft das Verständnis dafür. Wenn ihr durch die persönliche Ansprache die Aufmerksamkeit eurer Kindes erreicht habt, dann müsst unbedingt eine klare Botschaft ergänzen! Euer Kind kann in solchen Situationen NICHT ableiten, was ihr ihm durch die persönlich Ansprache sagen wollt.

Vielleicht sind es diese Situationen, aus denen heraus meine Idee zu dieser Blog-Serie entstanden ist. Meistens ist es dann nämlich so, dass dann der Tonfall seitens der Eltern etwas schärfer wird – und das Kind dann entsprechend reagiert. So eskaliert eine Situation, die mit etwas sorgfältigerer Kommunikation vielleicht leichter hätte gelöst werden können. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir uns in der Baby- und ersten Kleinkindzeit zwar automatisch auf die Sprachfähigkeiten und Bedürfnisse unseres Kindes einstellen – und beispielsweise besonders langsam und betont sprechen. Sobald das Kind aber selbst besser sprechen und sich ausdrücken kann, erwarten wir häufig zu viel von ihm. Das immer noch kleine Kind ist mit der Sprachkomplexität und dem Wortschatzerwerb beschäftigt: die Fähigkeit Ironie zu verstehen, „zwischen den Zeilen“ zu lesen oder Andeutungen aus dem Kontext zu erschließen lernen sie erst sehr viel später.

Ein anderes Beispiel, besonders gerne beobachtet auf Spielplätzen: das Elternteil ruft in 38 verschiedenen mehr oder weniger strengen Tonlagen den Namen des Kindes, von der Bank aus. Das Kind guckt, die Eltern gucken. Persönliche Ansprache: Check. Blickkontakt: Check. Das Ergebnis: leider meist nicht wie gewünscht. Ich als Erwachsener habe – aus dem Kontext heraus – meistens eine Ahnung, was damit gesagt werden soll. Das ins Spiel versunkene Kind aber nicht. Um zu verstehen, was die Eltern gerade von ihm möchten, braucht es mehr.

Mehr konkrete Informationen – aber auch mehr persönliche Ansprache und mehr Blickkontakt, aus direkter Nähe. Hingehen, in die Augen schauen, vielleicht auf den Arm nehmen und einen ganzen Satz sagen löst das Problem meistens. Das Kind versteht durch ein Gespräch auf Augenhöhe, mit Blick- und eventuell auch Körperkontakt und die persönliche Ansprache einfach am besten, WAS ihr sagen wollt, und dass euch das Gesagte wichtig ist. Gleichzeitig eröffnet eine solche Gesprächssituation auch die Möglichkeit für eine Reaktion seitens des Kindes – vielleicht habt ihr die Situation ja falsch verstanden? Oder etwas nicht gesehen? Soll ja auch bei Eltern einmal vorkommen… 😉

Probiert es doch einmal aus!

Liebe Grüße,
Eure Tina

Hier findet ihr die bisher veröffentlichten Teile der Reihe:

3 Kommentare zu „Mein Kind „hört“ einfach nicht: Blickkontakt, Augenhöhe und persönliche Ansprache (2)

  1. Sehr schöner Beitrag. Ganz unbewusst mache ich das tatsächlich schon so, aber es ist schön, sich das auch mal bewusst zu machen. Wenn man aufhört auf sein Kind herab zu sehen und auf Augenhöhe mit ihm kommuniziert, klappt das definitiv meist viel besser! Und wir wollen ja auch nicht immer hören, wenn unser Mann uns mal zurechtweist 😉

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  2. Wenn man das Gefühl hat, gar nicht „anzukommen“ mit dem Kommunikationsversuch, würde ich es abbrechen und zu einem späteren Moment noch einmal versuchen. Leider ist es aber mit einem kleinen Kind ja nicht immer möglich, es dann einfach weitermachen zu lassen. Vermutlich würde ich ablenken, die Situation verändern – also in einen anderen Raum gehen, oder an die frische Luft, wenn sich das anbietet. Und dann später noch einmal über die Situation sprechen und erklären. Beim Mini habe ich auch das Gefühl, das manchmal alles zu viel ist und man sich dann gegenseitig aufschaukelt. Blickkontakt kann und sollte man nicht erzwingen, er ist ja nur das Signal, das sagt „ich sehe dich und höre dir zu“ – das ist ja aber nicht der Fall in dem Moment, den du beschreibst. Je nachdem wie alt dein Mittlerer ist, könntest du ihm natürlich auch schon erklären, dass du ihn gerade etwas erklären möchtest, was dir wichtig ist und ihn einfach fragen, warum er gerade nicht zuhören mag. Das kann ich bei meinem Zweijährigen leider noch nicht. 😉

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  3. Hallo, ich praktiziere das eigentlich wie Du. Wie gehst Du aber damit um, wenn das Kind komplett Blickkontakt verweigert und man in dem Moment nicht den Eindruck hat, dass man irgendwie durch dringt? Das Problem habe ich nämlich momentan mit unserem Mittleren. Oft macht er dann weiter wie vorher, als hätte man nichts gesagt. „Guck mich bitte mal an“ wird ignoriert und das Gesicht zu mir drehen, ist auch keine optimale Lösung.

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