Mach‘ mal langsam – Entschleunigen mit Kleinkind

Kürzlich war ich mit dem Mini zum einkaufen unterwegs. Bei unserem liebsten Apfelbauern steht direkt neben dem Eingang ein ausrangierter Traktor zum Klettern – ich muss vermutlich nicht sagen, dass der Mini ihn liebt, oder? Ich kann gar nicht genau sagen, wieviel Zeit wir auf dem Traktor verbracht haben. (Ja, richtig gelesen: „wir“ und „auf“. Habt ihr ein Bild vor Augen…? 😉 Der Mini ist noch etwas zu klein, um darauf alleine zu sitzen. Es ist halt ein richtiger Traktor.) Während ich also leicht verrenkt auf dem Traktor abhing und versuchte, mir nicht ständig den Kopf anzustoßen, ging mir ein Lied von den Wise Guys durch den Kopf und ich musste ein bißchen grinsen:

Mach mal langsam,
nimm dir Zeit, um auszuruhn.
Mach mal langsam,
sei bereit, mal nix zu tun.
Das ist Luxus. Das ist Lebensqualität.
Mach mal langsam, weil’s manchmal langsam besser geht.

Tja, alle Eltern wissen: „weil es langsam besser geht“ entspricht nicht immer so ganz der Wahrheit. Vor allem geht es mit einem Kleinkind einfach meistens gar nicht anders als langsam.

Weil da so interessante Steine auf der Strasse liegen. Die kann man auch in den Gulli werfen, toll, oder? Weil da Blumen am Strassenrand wachsen. Weil ein Flugzeug über uns drüberfliegt. Weil ein Hund auf der anderen Strassenseite ist. Weil man ganz dringend alle Kanaldeckel bewundern muss. Weil ein Stein im Pflaster wackelt, wenn man sich draufstellt.

Ich gebe ehrlich zu: es gibt Tage, an denen ich viel auf meiner To Do-Liste stehen habe, dass das meine Nerven schon arg strapaziert. Und an denen ich dann wirklich in mich gehen muss, um einen Gang zurückzuschalten und „mal langsam“ zu machen. Wir sind als Erwachsene einfach gerne effizient. Kleinkinder sind das auch – aber ganz anders als wir: sie schauen Dinge nicht nur kurz und flüchtig an, sie nehmen alles gründlich unter die Lupe. Eine Pusteblume? Kann man die anfassen? Oh, da geht ja etwas ab. Wie fühlt sich das denn an? Ob man das essen kann? Wie riecht das denn? Ihh, das kitzelt. Vielleicht kann man die ja auch mitnehmen?

Und schon hat das Kleinkind fast alles über die Pusteblume in Erfahrung gebracht, was man empirisch erfassen kann. Das ermöglicht Kleinkinder das rasante Lerntempo, das sie in diesen aufregenden ersten Jahren an den Tag legen. Sie sind unfassbar effizient im Entdecken der Welt. Alles ist neu, alles ist wahnsinnig spannend.

Wenn ich mal wieder an einer Strassenecke 15 Minuten Ampelphasen anschaue oder im Park den Sohnemann mit Hummeln im Hintern beim Steinchen sortieren beobachte, stelle ich mir folgendes vor: ich bin zum ersten Mal in New York (mein Traum-Reiseziel!) und möchte mir alles genau anschauen: die Freiheitsstatue, das Empire State Building, ein bißchen Bummeln über die Fifth Avenue, durch die verschiedenen Stadtviertel schlendern, Schaufenster gucken, und und und… Und dann scheucht mich stattdessen jemand ganz effizient und zielstrebig mit stetem Blick auf die Uhr durch die Stadt, der das alles schon tausendmal gesehen hat und die Stadt in- und auswendig kennt. Wie blöd, oder? Und dann versuche ich mich zu entspannen.


Klar, das geht nicht immer. Manchmal hat man einfach Termine oder schlicht keine Zeit. Aber meistens geht es doch öfter, als man denkt.

Ihr kennt bestimmt alle den Spruch „Unser Alltag ist ihre Kindheit“ – dem kann man ja kaum noch entgehen, egal ob hübsch gelettert fürs Kinderzimmer oder als Hashtag auf Instagram. Für mich ist dieses „Mach‘ mal langsam“ das, was hinter diesem Spruch steht, den ja jeder etwas anders versteht. Für mich bedeutet es: die Kindheit des Mini findet nicht nur am Wochenende statt, während wir „Quality time“ verbringen oder etwas Schönes oder Besonderes unternehmen. Sie findet beim Einkaufen, beim Aufräumen, bei Besorgungen in der Stadt, im Auto unterwegs und einfach überall im Alltag statt.

Diesen versuche ich soweit wie möglich so zu gestalten, dass er kindgerecht ist. Ich binde ihn bei geeigneten Aktivitäten ein, die ihm Freude machen. Ich lasse ihn auch mal einfach in Ruhe spielen und plane unsere Freizeit nicht völlig durch. Wenn wir unterwegs sind, lassen wir uns auch mal ein bißchen treiben. Ich versuche einfach, mein Tempo ein bißchen zurück zu nehmen, wo immer das geht. Und die „gewonnene“ Zeit? Vertrödeln wir dann in aller Ruhe beim Blumen anschauen. Oder Steine sammeln. 🙂

Also – laaaaaangsame und tiefenentspannte Grüße,

Tina
 

6 Kommentare zu „Mach‘ mal langsam – Entschleunigen mit Kleinkind

  1. Wirklich sehr schön geschrieben! Am Wichtigsten finde ich den Satz, sie einfach mal in Ruhe spielen zu lassen und nicht die gesamte Freizeit durchzuplanen. Manchmal finde ich überfordern Eltern ihre Kleinen, mit zig Aktivitäten und Ausflügen und kaum Zeit zu entspannen. Dabei finde ich es wichtig dass Kinder sich auch mal langweilen dürfen. Das fördert die Kreativität und dabei entstehen oft die tollsten Sachen.

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  2. Liebe Tina, du schreibst mir aus der Seele. Heute standen wir auf dem Heimweg vom Kindergarten im Regen und haben mit Schnecken gespielt, ich habe das rauschende Wasser neben dem Bordstein beobachtet und war richtig entspannt: Nass aber glücklich und die Mädels waren begeistert. Ein paar Schnecken haben wir mitgenommen und zu Hause ging der Spass weiter. Später in der Bücherei haben sie sich gleich zwei Bücher über Schnecken ausgeliehen. Es macht einfach Spass, die Welt mit ihnen neu zu entdecken 🙂

    Liebe Grüße, Ella

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  3. Super schöner Artikel…gerade jetzt im Frühling wo sie viel Entwicklung statt findet und es noch mehr zum staunen gibt. Meine Jungs sind zwar schon etwas größer (fast 8 und 4 3/4) aber das können sie immer noch gut – den Alltag entschleunigen. Wundervoll 🙂 Herzliche Grüße, Maria

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