Von Binsenweisheiten und Unkenrufen: der Start in das Leben als Eltern

Es gibt wohl nur wenige Momente im Leben, in denen sich so viele Menschen bemüßigt fühlen einem wohlmeinende Ratschläge mit auf den Weg zu geben, wie während einer Schwangerschaft. Nicht nur, dass jeder weiß, was man unbedingt essen muss und keinesfalls essen darf – nein, auch wie sich das eigene Leben künftig verändert, können einem Außenstehende erstaunlich präzise vorher sagen.

Erst kürzlich stand ich wieder dabei, als solche Ratschläge verteilt wurden und fühlte mich an meine eigene Schwangerschaft erinnert. Vor genau zwei Jahren lag ich Mitte März wie ein gestrandeter Walfisch auf unserer Couch, habe Serien geguckt und mich gefragt, wie mein Leben in vier Wochen wohl aussehen würde.



Unsinnige Tipps und düstere Prophezeihungen helfen da überhaupt nicht und lassen nur das Gedankenkarussel Vollgas geben. Beispiel gefällig? „Demnächst ist es ja dann vorbei mit dem Ausgehen.“ Oder: „Genießt noch mal die Zeit zu Zweit, bald ist Schluss mit den ruhigen Tagen.“ Ganz gemein finde ich übrigens „Mach‘ nochmal was für dich, wenn das Kind erst da ist, hast du dazu sowieso keine Zeit mehr.“

Na vielen Dank. Solche Aussagen treffen dann auf eine Endzeitschwangere im Hormonrausch und vermitteln ihr, dass das Leben eigentlich vorbei ist, wenn das lang ersehnte Baby endlich auf der Welt ist. Und das eigenständige Leben als Frau sowieso gleich zweimal.

Versteht mich nicht falsch, ich will ja gar nicht behaupten, dass sich mit Baby nichts ändert, alles beim alten bleibt und man genau die gleichen Freiheiten hat wie früher auch. Der Mini wird nun bald zwei und natürlich ist es so, dass wir früher häufiger ausgegangen sind, mehr Zeit für Hobbys hatten und viel mehr Zeit als Paar verbracht haben. Und ja, natürlich wünscht man sich das manchmal zurück, das gebe ich gerne zu. Ich finde es nur wirklich blöd, jemandem die Vorfreude auf das Wunschkind zu überschatten und so ein negatives Bild von der Elternschaft zu zeichnen. Warum steht das so im Fokus? Warum rücken oft gerade Eltern selbst diesen Teil des Eltern-Seins so in den Mittelpunkt?



Denn was sich für die Eltern verändert und was man vielleicht mit einem Baby dann manchmal vermisst – das ist ja schon ziemlich individuell. Ein Baby schläft nach sechs Wochen fünf Stunden am Stück, das andere will alle zwei Stunden gestillt werden – eins mag Autofahren, das nächste hasst es. Manche Baby kann man überall mit hinnehmen, für andere ist das zu viel. Das alles bestimmt den Lebensrhythmus der frischgebackenen Eltern und will langsam herausgefunden werden. Da helfen die pauschalen Unkenrufe vorab nun wirklich nicht bei der Vorbereitung auf das, was da kommt. Kann man sich überhaupt darauf vorbereiten? Ich denke nicht. Denn jedes Kind bringt seine ganz eigenen Charaktereigenschaften und Bedürfnisse mit – und auf die muss man sich einstellen.



Wenn man heute Eltern wird, ist es sicherlich so, dass die ganz praktischen Beispiele, was Elternschaft bedeutet und was es heißt, sich um ein Baby zu kümmern meistens fehlen. Die wenigsten von uns haben vermutlich sechs jüngere Geschwisterkinder und können sich aus ihrer Kindheit noch gut daran erinnern, wie oft die nachts wach wurden, krank waren, und sich in der Autonomiephase wütend auf den Boden geworfen haben. Der eigene Freundeskreis wird meistens etwa zeitgleich mit einem selbst Eltern. Versuchen die Unkenrufer einen Gegenpol zur hübschen Werbewelt mit strahlenden Babys und glücklich lächelnden Eltern zu bilden? Oder sind die selbst so überrascht von den anstrengenden und manchmal nervigen Seiten der Elternschaft?

Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sagen: aufs das Muttersein hätte mich nichts vorbereiten können. Letztlich kommt es immer anders, und man wächst so langsam da hinein. Ja, das ist manchmal sehr kräftezehrend und das darf man auch laut sagen. Und gleichzeitig ist es wunderschön. Das sollte man vielleicht öfter dazu sagen. Ich würde verdammt gerne mal wieder acht Stunden ununterbrochen schlafen. Oder ein Wochenende spontan mit meinem Mann wegfahren, einfach so ohne groß vorher zu planen. Und das werde ich sicherlich auch wieder. Nur gerade jetzt vielleicht noch nicht.

Alles hat seine Zeit. Und diese Zeit im Moment gehört erstmal dem Mini, mit allen Grenzen, die das für uns als Eltern mit sich bringt. Fremdbestimmt finde ich das nicht – schließlich haben wir das ja nicht nur gewollt, sondern uns sogar sehr gewünscht.

Und in etwa 15 Jahren, wenn der Mini sonntags nach seiner ersten (…) Party morgens ausschlafen will, werde ich um 6.15 Uhr neben seinem Bett stehen und sagen mir sei langweilig, ich wolle jetzt sofort raus. So, Vorfreude ist schließlich die schönste Freude…

Alles Liebe,
Eure Tina

 

 

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