Oh, du schöne Onlinewelt – vom Mitfreuen und Tellerrändern

Gerade habe ich meinen Post zu den letzten Freitagslieblingen beendet und daraus einen langen Kommentar von mir zu diesem tollen Artikel von Julia auf makellosmag.de herausgenommen. Der hätte die Freitagslieblinge wirklich ein wenig gesprengt. Ihr Artikel hat mich nachdenklich gemacht, genauso wie die Frage von Frau Mierau auf Twitter neulich, warum wir eigentlich beim Wochenende in Bildern mitmachen und was wir daran mögen. Und jetzt müsst ihr eben hier meine Gedanken dazu lesen.

Schöner Schein…

Den sozialen Medien und vor allem Instagram wird oft vorgeworfen, vor allem den schönen Schein abzubilden und so ein Bild von Familien/Schönheit/Mode/Wohnungen (die Liste kann man endlos fortsetzen) zu schaffen, das nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Sicherlich, es ist so: Instagram-Fotos sollen schön hell sein, nicht zu bunt, und stellen am besten leckeres Essen, niedliche Kinder oder ein richtig schickes Outfit dar. Überspitzt formuliert, natürlich. Ein Instagram-Feed sollte einem einheitlichen Stil folgen, die Bilder zueinander passen und ein harmonisches Ganzes ergeben. Sagen Online-Ratgeber für Erfolg auf Instagram – ja, sowas gibt es. Wirklich.

Wenn das so ist, hat man oft viele Follower. Und bekommt dafür manchmal mächtig viel Kritik. Der Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram hält dagegen und wird unter Fotos benutzt, die vielmehr das wirkliche, echte, oft chaotische Leben abbilden sollen.

Was bedeutet das für mich? Ich habe in letzter Zeit beobachtet, dass ich manchmal schon fast ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich ein „schönes“ Foto bei Instagram poste. Das Problem ist aber: ich mag schöne Dinge. Und ich mag schöne Fotos. Es macht mir Spaß sie zu machen und zu teilen  – und ich sehe sie mir auch gerne bei anderen an. Nicht nur, aber auch. Bin ich jetzt oberflächlich?

Dass zu einem normalen Familienleben mehr Chaos gehört, als man vielleicht auf Instagram zeigt, ist vermutlich jedem Erwachsenen klar. Das ist es, was man unter dem Oberbegriff „Medienkompetenz“ zusammenfasst – das Wissen, dass Medien eben immer nur einen Ausschnitt, einen Teilbereich der Realität abbilden können. Und diesen Ausschnitt wählt eben jeder Instagrammer selber aus. Es ist sein persönliches Fenster, das er für uns Fremde ins eigene Leben öffnet. Mal kleiner, mal größer, vielleicht immer sorgfältig geputzt oder so wie es gerade kommt – und manchmal eben auch für bestimmte Dinge verschlossen. Das entscheidet jeder für sich alleine.

…und nichts dahinter?

Ich finde die Unterstellung immer etwas gemein, das hinter den „schönen“ Profilen immer ein oberflächlicher, geltungssüchtiger Mensch steckt. Julia hat in ihrem Text einen wundervollen Satz über ihre Facebook-Freundin geschrieben: „In allem sieht sie Schönheit.“ Vielleicht sollten wir diese Sichtweise auf die Dinge auch einmal öfter einnehmen? Immer erst einmal das Beste annehmen, das ist doch eine schöne Haltung.

(Nein, ich bin nicht naiv. Ich weiß natürlich, dass es auf Instagram viele gekaufte Bilder gibt und Produkte absichtlich platziert werden. Meistens ist das ja nicht besonders unauffällig. Womit wir auch wieder bei der Medienkompetenz wären.)

Inspiration statt Vergleich

Ich liebe die sozialen Medien – um mich inspirieren zu lassen und um mich auszutauschen. Vor meiner Elternzeit ist das vielleicht eher im Büro mit Kolleginnen passiert. Und genau wie meine Kolleginnen im Büro ganz unterschiedlich sind – in ihrer Art, mit ihren Vorlieben, in ihrer Herangehensweise – sind es die Blogger/Instagrammer auch.

Ja, jetzt höre ich schon den Aufschrei – „aber es werden doch alle Profile immer ähnlicher!“. Das finde ich nicht. Auf den ersten Blick vielleicht. Man muss genau hingucken, manchmal etwas suchen und sich treiben lassen in diesem Internetz. Und dann findet man eine ganz wundervolle Vielfalt. Eine inspirierende, bunte Vielfalt an Menschen, die bereit sind ihren Alltag, ihre Lieblingsdinge, ihre Eindrücke und ihre Meinung mit uns zu teilen.

Das Wochenende in Bildern von Susanne Mierau ist dafür ein wunderbares Beispiel. Hier beschreibt sie ihre Idee dazu und was sie sich von dieser Aktion wünscht. Ich liebe es, mich Montags durch die verschiedenen Posts zu klicken und die Bilder anderer Familien anzusehen. In gewisser Weise ist es das Äquivalent zum montäglichen „Und, wie war dein Wochenende so?“ im Büro. Würde ich den Kolleginnen vorwerfen, dass sie nur mit ihrem Kind im Zoo waren, um Montags damit im Büro anzugeben? Und mir dann vielleicht auch noch ein oder zwei süße Schnappschüsse davon zeigen? Vermutlich eher nicht. Warum werfen wir das dann Bloggern vor?

Ich finde den Wochenend-Frühstückstisch von Familie Mierau wunderschön. Und ja, das hat mich dazu inspiriert, meinen Kaffee etwas aufzuhübschen und den Tisch schöner zu decken. Ist das verwerflich? Nein, im Gegenteil: ich finde, das ist doch toll! Kathrin bringt mich oft zum Nachdenken, wie viele Neins wirklich nötig sind und wo ich dem Mini noch mehr Freiraum geben kann. Und was man außer Kuhmilch noch so im Kaffee trinken kann. Anna – ich kann gar nicht zählen, wie viele Ideen ich mir von euch schon gemopst habe. 😉 Anna Luz gibt mir einen Einblick wie das Leben mit größeren Kindern sein kann. Pia – wenn der Mini nur ein klitzekleines bißchen größer ist, werde ich auch mal so eine tolle Brotdose zaubern! Tanja, deine tollen MakeUps bringen mich immer wieder dazu, meinen Schminkschrank zu öffnen und mit Lidstrich und rotem Lippenstift im Sandkasten zu sitzen. Und für die nächste Party werde ich sicherlich noch einmal den Blog von der Party-Königin Maria konsultieren. Ich könnte diese Inspirations-Liste noch sehr lange fortführen.

Und ich finde diese Sichtweise so viel bereichernder als zu denken: Das machen die doch nur fürs Foto. Die Brotdose kommt doch nie heil an. Wann hat die denn da Zeit für? Die muss ja viel Geld haben, um sich das leisten zu können. Schon wieder eine neue Winterjacke? So aufgeräumt kann es doch nirgendwo mit Kind sein! Die Klamotten hat das Kind doch nur fürs Foto an. Schon wieder ein Foto von XY? So sieht doch kein normales Müsli aus?

Social Media ist zum Austauschen da und zum „sich mitfreuen“

Das macht mich manchmal etwas traurig: es gibt so viele tolle Blogger und Instagrammer. Und manchmal schreiben sie einen Post zu einem Herzensthema nicht oder nicht veröffentlichen ein Foto nicht, weil man schon vorher weiss, dass die Reaktionen darauf (auch) hässlich sein werden. Das ist schade – vielleicht wäre das DER Post gewesen, der mich zum Nachdenken zu diesem bestimmten Thema gebracht hätte?

Der einzige Feed, in dem man jedes Foto toll findet, ist vermutlich der eigene. Der einzige Blog, bei dem man jeden Artikel voll und ganz unterschreiben würde, ist sicher auch der eigene. Aber wenn man nur den lesen würde, wäre das auf Dauer doch ziemlich langweilig.

Man muss doch nicht immer komplett einer Meinung sein, man kann doch auch Dinge anders machen und sich trotzdem gerade deswegen gegenseitig schätzen? Vielleicht fehlt uns manchmal einfach eine gute und gesunde Online-Diskussionskultur. Und das möglicherweise auch nicht nur online?

Ich würde mir wünschen, dass wir uns mehr für einander interessieren, austauschen und uns weniger bewerten. Dass man sich über ein offensichtlich schönes bebildertes Wochenende freut, auch wenn man es selber vielleicht anders verbracht hätte. Oder bevorzugt, nicht online darüber zu schreiben. Oder der eigene Sonntags-Frühstückstisch nicht so hübsch gedeckt war. Dass man aus einem Post über vegan/zuckerfreie/wasauchimmer Küche ein leckeres Rezept mitnimmt, oder über den eigenen Lebensmittelkonsum nachdenkt, ohne gleich zu überlegen, ob WIRKLICH alle gezeigten Produkte 150% vegan/zuckerfrei/wasauchimmer sind.

Ja, wir haben alle eine Lieblingsfarbe. Aber die Welt ist groß und bunt. Und ein Blick über den Tellerrand hat noch keinem geschadet. Blogs & Instagram machen diesen Blick sehr viel einfacher möglich – und das finde ich toll!

Eure
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6 Kommentare zu „Oh, du schöne Onlinewelt – vom Mitfreuen und Tellerrändern

  1. Liebe Tina,
    das ist ein ganz ganz toller Text und danke für deine Verlinkung ❤
    Vor allem in diesem Punkt einen positiven Einfluss auf dich zu haben, macht mich sehr stolz 😊

    Zu dem Thema habe ich auch einen Text in den Entwürfen, aber den brauche ich jetzt gar nicht mehr veröffentlichen, weil du meine Gedanken ganz gut zusammengefasst hast 😃❤️
    Nur eins noch: dieses ganze #fürmehrRealitätaufInstagram hat mich nie so wirklich angesprochen. Bestes Beispiel: diese Woche waren erst meine Kinder, jetzt ich krank. Meine Wohnung sieht aus wie Sau. Aber ich fühle mich dabei selber nicht wohl.
    Der Punkt ist: ich lade mir doch gerade keinen Besuch ein. Wieso also sollte ich denn dann ein Foto vom Chaos hier machen? Und es dann auch noch auf Insta hochladen? Das erschließt sich für mich nicht. Ich empfinde weder meinen Blog noch meine sozialen Kanäle als unauthentisch oder unrealistisch und bleibe daher bei allen Vorwürfen und Hashtags weiterhin unbeeindruckt. Deine Sichtweise mag ich schon alleine, weil sie eine so schöne positive Grundhaltung hat – darum bemühe ich mich auch immer.

    Danke, dass du uns teilhaben lässt 🙂

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  2. Ich bin da ganz bei dir, einmal muss man nur suchen und genau hingucken, dann findet man Unterschiede und vor allem erkennt man die vorhandene Vielfalt. Anders wäre es doch langweilig.

    Ich muss mich da jetzt outen und sagen, dass ich bei Instagram (Ausnahmen bestätigen die Regel) Leuten folge, weil sie schöne Bilder machen. Denn es ist ja eine Plattform für Fotografie und da gehört etwas Planung wie das Bild nun aussehen soll schon irgendwie dazu, wie ich finde. Jedoch, das ist das Schöne, Menschen sind verschieden, sie sehen Dinge anders, bebildern oder beschreiben Situationen unterschiedlich. Das ist einmal total spannend und gibt uns allen Platz für eigene Interessen und auszuwählen ob man nun nach #mehrrealitätaufinstagram sucht oder #whiteliving. Eigentlich ein gruseliger #, aber mir fiel kein anderes Pendant ein. 😉

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  3. Liebe Tina,
    danke für den Text. Ich finde ihn wirklich schön. Ich kann beispielsweise mit #mehrrealitätaufinstagram nichts anfangen, denn dafür ist Instagram für mich nicht da und bei manchen Essensbildern, die damit versehen werden, wird mir ehrlich gesagt übel. Deswegen habe ich mir persönlich auch auf Instagram eher eine Liste von Menschen, denen ich folge zusammen gestellt, die mich inspirieren und deren Fotos ich erheiternd und erfrischend finde.
    Ich persönlich brauche für mich nicht den Gedanken „Ah, anderen geht es auch schlecht“ oder „Ha, bei denen ist es auch unordentlich“ oder so etwas. Ich möchte lieber Positives ansehen und mir dann sagen: „Es wird auch bei Dir wieder so aussehen und „Es wird besser“. Ich denke, das ist eine generelle Einstellung zum Leben, weshalb auch immer wieder Menschen mit unterschiedlichen Ansichten so aufeinander treffen und sich nicht verstehen. Schade eigentlich.

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  4. Liebe Tina,
    das ist wirklich ein toller Post! Danke dafür! Du triffst den Nagel auf den Kopf. Ich liebe auch das rumstöbern bei anderen Accounts, Blogs und freue mich über die tollen, detailverliebten Bilder. Keine Ahnung, warum es immer wieder Menschen gibt, die gemeine und dämliche Statements dazu abgeben müssen. Das ist ehrlich gesagt etwas, das ich nicht so gerne an Social Media mag. Jeder meint immer alles und jeden bewerten und oft auch herabwürdigen zu dürfen. Ja, es geht um Feedback und Interaktion. Aber manchmal fehlt mir dabei einfach der Respekt – voreinander und vor der Mühe, die der andere sich gibt, um ein tolles Foto zu zaubern. Natürlich steckt oft auch ein monetärer Gedanke dahinter und einige Blogger/Instagrammer nehmen viel Geld und Zeit in die Hand, um das perfekte Foto zu schießen und damit dann wieder Geld zu verdienen. Das ist Fakt und die von dir angesprochene Medienkompetenz fehlt glaube ich wirklich einigen Menschen da draußen. Jeder sollte das tun dürfen, was er möchte und was ihm Spaß macht. Ich schreibe auf meinem Blog genau deshalb: weil es mir Spaß macht. Und aus diesem Grund bin ich auch bei diversen sozialen Medien unterwegs. Vielleicht sollten wir den Hashtag #fürmehrrespektaufinstagram häufiger nutzen. 🙂 Ich wünsche dir ein ganz tolles Wochenende!
    LG Sarah

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